ADHS und sensorische Integration: Was die Forschung seit 1986 zeigt
Bei rund 50 Prozent der Kinder mit ADHS-Diagnose liegen gleichzeitig sensorische Integrationsstörungen vor, insbesondere eine vestibuläre Unterempfindlichkeit. Das belegen mehrere unabhängige Studien seit 1986. Eine sensorische Testung vor Beginn einer Medikation könnte zeigen, wer von Ritalin profitiert und wer stattdessen von einer ASI-Therapie mehr gebracht werden kann.
Kind mit vestibulärer Unterempfindlichkeit bei sensorischer Integration Ergotherapie ADHS
1986 untersuchte die Ergotherapeutin Judith Kimball 17 Buben mit ADHS-Diagnose. Nicht mit einem Fragebogen. Nicht mit einer Verhaltensbeobachtung. Sondern mit sensorisch-integrativen Tests nach Ayres: vestibuläre Reaktion, Balance, taktile Wahrnehmung. Die Kinder waren zuvor medizinisch in zwei Gruppen eingeteilt worden: gute Responder auf Methylphenidat (Ritalin) und schlechte Responder.
Das Ergebnis war eindeutig. Die beiden Gruppen zeigten klar unterscheidbare sensorische Muster. Wer gut auf Ritalin ansprach, zeigte ein bestimmtes neurologisches Profil. Wer nicht ansprach, ein anderes.
Das hätte alles verändern können. Es hat in der medizinischen Praxis fast nichts verändert.
Zwei neurologische Profile unter einem Diagnose-Etikett
Kimballs zentrale Erkenntnis: Es gibt mindestens zwei neurophysiologisch unterschiedliche Typen von Kindern, die als "hyperaktiv" oder "unaufmerksam" diagnostiziert werden.
Typ 1: Vestibuläre Unterempfindlichkeit. Das Gleichgewichtssystem dieser Kinder ist chronisch unteraktiviert. Das Gehirn erhält zu wenig vestibuläre Information und sucht Stimulation durch Bewegung, Impulsivität und ständige Ablenkung. Diese Kinder sprechen gut auf Ritalin an. Sie sprechen aber auch gut auf ASI-Therapie an, weil diese Therapie direkt an der neurologischen Ursache ansetzt.
Typ 2: Gestörte kortikale Inhibition. Diese Kinder profitieren nicht von Methylphenidat. In Kimballs Studie zeigten sie einen verlängerten Nystagmus (der vestibuläre Reflex hält zu lange an), schlechtere Balance und eine schwächere taktile Zweipunktdiskrimination. Ihr Problem liegt auf einer anderen neurologischen Ebene. Ritalin adressiert diese Ebene nicht.
Die Implikation ist klar: Nicht alle Kinder mit ADHS-Diagnose haben dieselbe Ursache. Wer das übersieht, behandelt das Symptom, nicht das System.
Pro-Tipp 1: Wenn ein Kind schlecht auf Methylphenidat anspricht oder starke Nebenwirkungen entwickelt, ist eine differenzierte sensorische Diagnostik durch eine ASI-zertifizierte Ergotherapeutin ein sinnvoller nächster Schritt. Die Frage ist nicht "Medikament oder Therapie", sondern: Welches neurologische Muster liegt vor?
Die Evidenz der sensorischen Integration bei ADHS
Kimballs Studie war kein Einzelfall. Die Belege häuften sich, sie wurden nur nicht in die medizinische Praxis aufgenommen.
Lane et al. (2010) untersuchten 6- bis 12-jährige Kinder mit ADHS auf neuroendokrine und elektrodermale Marker. Ihre Ergebnisse zeigten, dass ADHS in Verbindung mit sensorischer Überreaktivität als eigenständige Untergruppe betrachtet werden sollte.
Ghanizadeh (2011) bestätigte in einem systematischen Review konsistente Hinweise auf sensorische Auffälligkeiten bei ADHS, sowohl in der Wahrnehmung als auch in der Modulation.
Isaac et al. (2017) lieferten das physiologisch stärkste Argument: Der vestibuläre Reflex (cVEMP) war bei Kindern mit ADHS signifikant reduziert. Und: Je geringer die vestibuläre Aktivität, desto stärker die Aufmerksamkeitsprobleme.
Panda et al. (2023) bestätigten: Der Schweregrad der ADHS-Symptome steigt direkt mit dem Ausmass der sensorischen Funktionsstörungen.
Was den Unterschied zwischen SI und ASI ausmacht und warum Methodentreue für die Wirksamkeit entscheidend ist, erklärt der Beitrag ASI Therapie: Was Ayres Sensory Integration von SI unterscheidet und warum das zählt.
Pro-Tipp 2: Bei der Anamneseerhebung lohnt es sich, Eltern gezielt nach Verhaltensweisen zu fragen, die auf vestibuläre Unterempfindlichkeit hinweisen: Dreht sich das Kind gerne und wird dabei nicht schwindlig? Sucht es intensiv Schaukeln, Klettern und Raufen? Schläft es regelmäßig im Unterricht ein, obwohl es zu Hause normal schläft?
Warum hat sich die Diagnostik- und Therapiepraxis trotzdem nicht geändert?
Sensorische Integration gilt im medizinischen Mainstream als "weich" und schwer standardisierbar. Ein Therapieansatz, der auf kindliches Spiel, Bewegungsfreude und neurophysiologische Reifung setzt, passt nicht in ein System, das auf messbaren Kurzzeiteffekten, manualisierter Diagnostik und Pharmakologie aufgebaut ist.
Das Ergebnis: Rund 50 Prozent der Kinder mit ADHS haben sensorische Integrationsstörungen. Viele bekommen Medikamente, die ihre eigentliche Ursache nicht ansprechen
Was das für die Praxis bedeutet
Die Konsequenz lautet: erst sensorisch abklären, dann passende Behandlung wählen.
Eine ASI-Therapie durch eine zertifizierte Ergotherapeutin kann bei Kindern mit vestibulärer Unterempfindlichkeit eine direkte Alternative oder Ergänzung zur medikamentösen Behandlung sein. Sie setzt an der neurologischen Ursache an, nicht am Symptom.
Was Eltern bei der sensorischen Integrationstherapie nach Ayres erwartet, beschreibt ein weiterer Beitrag: Ayres' Sensorische Integrationstherapie: Ein Leitfaden für Eltern. Praktische Strategien findest du im Artikel Regulation und Selbstregulation durch sensorische Strategien fördern.
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Häufig gestellte Fragen
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Rund 50 Prozent der Kinder mit ADHS-Diagnose haben gleichzeitig sensorische Integrationsstörungen, besonders eine vestibuläre Unterempfindlichkeit. Das zeigten Studien seit 1986 (Kimball 1989, Isaac et al. 2017, Delpont et al. 2023).
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ET-ASI ist bei Kindern mit vestibulärer Unterempfindlichkeit eine wirksame Alternative oder Ergänzung zur Medikation. Die Therapie setzt an der Ursache an und hat keine Nebenwirkungen.
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Das Gleichgewichtssystem erhält zu wenig Aktivierung. Betroffene Kinder drehen sich ohne Schwindel, suchen intensiv Schaukeln und Klettern, kippeln auf dem Stuhl und schlafen manchmal im Unterricht ein.
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Judith Kimballs Studie (1989) zeigte, dass Kinder mit ADHS zwei klar unterscheidbare sensorische Muster aufweisen. Die Befunde wurden durch Isaac et al. (2017) und Delpont et al. (2023) mehrfach bestätigt.
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Eine differenzierte Befunderhebung durch eine ASI-zertifizierte Ergotherapeutin mit Tests wie dem vestibulären Reflex (cVEMP) und Gleichgewichtstests liefert die entscheidenden diagnostischen Hinweise.
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Über die GSIÖ (https://gsioe.at) (Österreich) und die GSID (https://gsid.de) (Deutschland). Das SI-SeminarInstitut Wien (https://www.seminarinstitut.com) bietet das einzige ICE-ASI-akkreditierte deutschsprachige Ausbildungsprogramm an.